MELLOW in der Praxis: Unsere Use Cases

MELLOW — smarte kollaborative Workflowentwicklung in der Schuhindustrie

Vom Konzept in die Praxis

Im Projekt MELLOW entwickeln wir KI-gestützte Assistenzsysteme für die europäische Schuhbranche und erproben diese direkt in der Praxis. Unsere beiden Anwendungspartner Wildling Shoes und Solor bilden dabei die zentralen Use Cases des Projekts. Die technischen Partner DFKI und MiniTec entwickeln die KI-basierten Assistenzsysteme, die an den Produktionsstandorten der Anwendungspartner getestet werden. Gemeinsam mit den Beschäftigten sammeln wir Feedback, werten es aus und entwickeln die Systeme Schritt für Schritt weiter.
Die europäische Schuhbranche ist besonders durch manuelle Tätigkeiten geprägt, die mit ergonomischen Belastungen verbunden sein können. Gleichzeitig wird es zunehmend schwieriger, qualifizierte Fachkräfte zu finden. Diesen Herausforderungen soll begegnet werden, indem die Assistenzsysteme zur ergonomischen Entlastung beitragen und auch ungelernte Arbeitskräfte dazu befähigen, bestimmte Produktionsschritte an den Arbeitsplätzen durchzuführen.
Die beiden MELLOW-Anwendungspartner fertigen mit Barfußschuhen und orthopädischen Schäften spezialisierte Nischenprodukte. Bislang gibt es nur wenige, für mittelständische Unternehmen geeignete digitale Tools, die beispielsweise bei der Herstellung individueller Produkte unterstützen können. Daher rückt MELLOW insbesondere diese kleinen und mittleren Unternehmen sowie ihre spezifischen Bedarfe in den Mittelpunkt

Use Case 1: Wildling Shoes

Wildling Shoes ist ein Hersteller von qualitativ hochwertigen Barfußschuhen mit Produktionsstätten u. a. in Portugal. In MELLOW wird im Wildling-Use-Case ein Assistenzsystem entwickelt, das Werker*innen zunächst beim Markieren der Außensohle unterstützen und damit einen Beitrag zur damit verbundenen Qualitätskontrolle leisten soll. Der Produktionsschritt des Markierens wurde im Rahmen des Projekts ausgewählt, da er zum einen fehleranfällig ist und zum anderen hier auftretende Fehler die nachfolgenden Schritte beeinträchtigen. Es ist außerdem ein vollständig manuell durchgeführter Produktionsschritt, der zu körperlicher Belastung bei Werker*innen führen kann. Das entwickelte Assistenzsystem besteht aus einem Tisch, der das Aufspannen des Schuhs und die Markierung der Außensohle ermöglicht und gleichzeitig die Markierung auf ihre Qualität hin überprüft.

Im Dezember 2025 testeten die portugiesischen Partner (Produktionsfirma Total Page sowie die Agentur Blue Sourcing) erstmals den entwickelten Prototyp. Als besonders positiv wurden dabei die einfache Bedienung und die ergonomische Entlastung hervorgehoben. Gleichzeitig ließen sich weitere Verbesserungswünsche zusammentragen. Insbesondere wünschten sich die Werker*innen eine schnellere Reaktion des Systems und ein unmittelbares Qualitätsfeedback beim Markieren. Bei einem zweiten Test im Mai 2026 wurde das System schließlich unter realen Produktionsbedingungen in Portugal getestet. Die dort neu gewonnenen Erkenntnisse fließen direkt in die Weiterentwicklung ein, damit das System künftig verbessert und schrittweise in die Produktionslinie integriert werden kann.

Neben der Entwicklung und Evaluation des technischen Systems arbeiten die Partner im Use Case Wildling auch auf organisationaler Ebene verstärkt zusammen. In sogenannten Kollaborationsinseln werden gemeinsame Themen bezüglich des europäischen Wertschöpfungsnetzwerks behandelt. Erste Kollaborationsinseln zu Themen wie der Zukunft der europäischen Schuhindustrie und der Qualität der Außensohlen-Markierungen durchgeführt.

Use Case 2: Solor

Solor mit Sitz in Pirmasens fertigt individuelle Komponenten für orthopädische Maßschuhe und ist damit Teil einer international vernetzten Wertschöpfungskette der Schuhindustrie.

Im Solor-Use-Case wird der Arbeitsschritt der Modellierung in den Fokus genommen. Hier kann entweder klassischerweise mit einem Leisten gearbeitet werden oder mit 3D-Daten.

Ziel von Solor ist es, langfristig den Kunden Zeit, Kosten und Ressourcen zu ersparen, indem kein physischer Leisten mehr verschickt werden muss, sondern größtenteils mit 3D-Modellen gearbeitet werden kann. Um dieses Ziel zu erreichen, muss in einem ersten Schritt die Qualität der vorhandenen 3D-Daten erhöht werden. Dazu werden die Erstellung und Bearbeitung von qualitativ hochwertigen 3D-Daten bei Solor erprobt und optimiert. Es wird ein Assistenzsystem entwickelt, bei dem ein 3D-Scanner in den Assistenztisch integriert wird. Das System unterstützt auch unerfahrene Nutzer*innen beim 3D-Scan und bei der Aufbereitung der erfassten 3D-Daten, damit diese durch die Modellierungsabteilung weiterverwendet werden können.

Langfristiges Ziel ist es auch, Kunden in die qualitativ hochwertige Datenaufbereitung zu involvieren, um die Qualität der ausgetauschten digitalen Daten zwischen Kunden und Solor zu verbessern, um möglichst reibungslose und effiziente Abläufe zu gewährleisten. Gleichzeitig wird auch in diesem Use Case ein Fokus auf die organisationale Weiterentwicklung gelegt. So wurde beispielsweise ein Akzeptanzworkshop mit Modelleur*innen durchgeführt, um die Motivation, aber auch die Bedarfe und Ängste bei der Nutzung KI-basierter technischer Systeme kennenzulernen und bei der Entwicklung des Assistenzsystems berücksichtigen zu können. Außerdem sind Kollaborationsinseln mit internationalen Kunden geplant.

Auf diese Weise soll MELLOW dazu beitragen, den Datenaustausch der mittelständischen Unternehmen innerhalb einer international vernetzten Wertschöpfungskette effizienter zu gestalten.